Die kurze Antwort: Als Faustregel für den ersten Schritt gilt: Schmeckt der Kaffee sauer, wurde eher zu wenig gelöst, schmeckt er bitter, eher zu viel oder zu stark. Melitta schreibt in der Anleitung des AromaFresh X, zu fein gemahlen werde der Kaffee bitter, zu grob säuerlich. Das ist eine Richtung und kein Gesetz: In einer Messreihe der UC Davis (Batali u. a. 2020, Filterkaffee, eine Bohne) folgte Bitterkeit der Brühstärke und nicht der Ausbeute. Ändere pro Aufguss nur eine Stellschraube.
Woran erkennst du sauer und bitter?
Das Sensory Lexicon 2.0 von World Coffee Research (2017) definiert „sour“ als den Geschmackseindruck einer Zitronensäurelösung und „bitter“ als den einer Koffeinlösung. Als Referenzen nennt es 0,015 Prozent Zitronensäure für Intensität 1,5 und 0,05 Prozent für 3,5, bei Koffein 0,01 Prozent für 2,0 und 0,05 Prozent für 6,5. Wer die beiden Eindrücke auseinanderhalten will, hat damit einen Anker, der nicht von deiner Tagesform abhängt.
Verbreitet ist die Regel, Säure komme sofort und Bitterkeit erst hinten und bleibe. Das Lexikon definiert nach Lösung, nicht nach dem Moment im Mund, und eine andere Quelle für den zeitlichen Verlauf haben wir nicht gefunden. Wir ordnen deshalb nicht danach ein.
Dünn ist noch etwas anderes. Das neue Brewing Control Chart von Guinard u. a. (2023, Journal of Food Science) erwartet Säure, Zitrus- und Rotfruchtnoten bei hoher Brühstärke und niedriger Ausbeute. Ein wässriger Kaffee ohne saure Spitze hat dagegen eine niedrige Brühstärke, und das ist ein anderes Fehlerbild mit anderer Gegenmaßnahme. Wir würden die Probe schwarz trinken, ohne Zucker, damit nichts dazwischenkommt.
Das Vorgehen: eine Stellschraube pro Aufguss
Dass du immer nur eine Sache änderst, hilft, weil du sonst nicht weißt, welche Änderung gewirkt hat.
- Benenne den Eindruck: sauer, bitter, dünn oder flach. Die Gegenmaßnahmen laufen in verschiedene Richtungen, und mit einem unscharfen „schmeckt komisch“ kannst du keine wählen.
- Schreibe Dosis, Wassermenge, Mahlgradstufe, Zeit und Temperatur auf. Ohne Notiz gibt es nichts, womit du vergleichen kannst. Wenn du das Verhältnis ausrechnen willst, hilft der Brüh-Rechner.
- Ändere eine Sache. Meistens ist das eine Stufe an der Mühle, weil Hersteller und Stiftung Warentest sie als ersten Schritt nennen.
- Probiere die neue Tasse neben der alten, aus demselben Gefäß.
- Wurde es schlechter, drehst du beim nächsten Aufguss in die Gegenrichtung. Blieb es gleich, war der Schritt zu klein.
- Sobald es passt, hältst du alle Werte fest.
Wie viele Durchgänge das braucht, wissen wir nicht, und eine Zahl dafür wäre erfunden. Nach einem Bohnenwechsel fängst du wieder bei Schritt 1 an: Baratza, Fellow und Severin nennen den Röstgrad ausdrücklich als Grund, die Stufe zu verschieben, eine dunklere Röstung gröber. Alles Weitere zum Einstellen steht im Ratgeber Mahlgrad einstellen.
Warum die Faustregel nur eine Richtung zeigt
Das klassische Brewing Control Chart (Lockhart 1957, Lingle 2011) ordnet Kaffee nach zwei Größen. Die Brühstärke (TDS) sagt, wie viele gelöste Stoffe im Getränk sind, die Ausbeute (PE), wie viel Prozent des Kaffeemehls ins Getränk gewandert sind. Als Idealzone nennt das Chart, wie Batali u. a. es wiedergeben, etwa 1,15 bis 1,35 Prozent TDS und 18 bis 22 Prozent Ausbeute. Die Ränder der Ausbeuteachse heißen „underdeveloped“ und „bitter“. Daraus stammt die Gleichung sauer gleich unterextrahiert, bitter gleich überextrahiert. Die Begriffe selbst sind eine Lesart des Charts, die Studie verwendet sie nicht.
Messungen zeichnen ein genaueres Bild. Batali, Ristenpart und Guinard (2020, Scientific Reports 10, 16450) brühten 270 Aufgüsse in 27 Probentypen, zwölf geschulte Prüfende bewerteten sie. Bitter, adstringierend, viskos, gummiartig und erdig stiegen linear mit der Brühstärke, ohne signifikante Korrelation mit der Ausbeute. Sauer, Zitrus und Beere stiegen mit der Brühstärke und fielen mit steigender Ausbeute. Die Grenzen: ein Arabica aus Marcala (Honduras), eine Röstung, eine programmierbare Filtermaschine.
Frost, Ristenpart und Guinard (2020) wiederholten das mit hellen, mittleren und dunklen Röstungen. Bitter, sauer und süß reagierten bei allen drei signifikant auf Stärke und Ausbeute, und die Süße sank mit steigender Brühstärke. Guinard u. a. (2023) fassten drei UC-Davis-Studien mit 32.076 Sensorikwerten zusammen: Bitterkeit, Adstringenz und Röstnoten treten bei hoher Stärke und hoher Ausbeute auf. Zwei Verbrauchergruppen mochten dabei Unterschiedliches, 57 Prozent in Gruppe 1 eher niedrige Stärke bei niedriger bis mittlerer Ausbeute.
Unsere Einschätzung: Als erste Richtung taugt die Faustregel, weil sie Hersteller und Stiftung Warentest teilen. Als Naturgesetz stimmt sie nicht. Wer bitter schmeckt, hat möglicherweise zu starken Kaffee und nicht zu viel Ausbeute, und das sind zwei verschiedene Probleme.
Ein Nachbarmythos ist die Reihenfolge, in der sich Säure, Süße und Bitterstoffe lösen sollen. Batali u. a. (2020, Journal of the Science of Food and Agriculture 100) fingen einen Filteraufguss alle 30 Sekunden in einer neuen Kanne auf: Die frühen Fraktionen bewerteten die Prüfenden bitterer und saurer, die späten süßer und blumiger, obwohl diese weniger gelöste Stoffe enthielten. Blumberg, Frank und Hofmann (2010) fanden, dass sich Monocaffeoyl-Chinide rasch lösen, Dicaffeoyl-Chinide langsamer, und dass die Vinylcatechol-Oligomere stark am Mahlgut haften bleiben. Die Stoffgruppen verhalten sich also verschieden, und „was zuletzt kommt, ist bitter“ gilt nicht pauschal.
Mahlgut, Mühle und Bezugszeit
Dass kleine Partikel ihre löslichen Stoffe schneller abgeben, ist belegt. Uman u. a. (2016, Scientific Reports 6, 24483) vermaßen mit Laserbeugung, ohne Geschmack zu prüfen, Kaffee aus einer Mahlkönig EK 43. Ob es eine ideale Verteilung gibt, lassen die Autoren offen. Gemessen haben sie: Die Partikel reichen von etwa 0,1 bis 1000 Mikrometer, die Verteilung hat zwei Gipfel, und die Feinanteile tragen den größten Teil der Oberfläche.
Daraus wird gern gefolgert, Feinstaub liefere die Bitterkeit und grobe Brocken die Säure, beides gleichzeitig in einer Tasse. Als Mechanismus ist das denkbar. Als Befund fanden wir es nicht. Smrke, Eiermann und Yeretzian (2024, Scientific Reports 14, 5612) gaben einer Espressobohne (Arabica aus Costa Rica, 20 g Kaffee, 40 g Getränk, 9 bar) abgesiebten Feinanteil unter 100 Mikrometer zu. Das Kaffeebett wurde weniger durchlässig, der Bezug dauerte länger, aber eine Abwertung in den Sensorikpunkten beobachteten die Autoren nicht. Zwei Proben mit zugegebenem Feinanteil zählten zu den bestbewerteten. Dabei urteilte ein einzelner Q-Grader über Flavor, Balance und Tactile, nicht über bitter und sauer, und die Autoren sagen selbst, es sei keine systematische Doppelblindprüfung gewesen.
Bei Espresso kommt Ungleichmäßigkeit im Bett dazu. Cameron u. a. (2020, Matter 2) fanden bei feinem Mahlgrad eine ungleichmäßige Durchströmung und ein Maximum der Ausbeute statt eines steten Anstiegs: Sehr feine wie sehr grobe Einstellungen ergaben niedrigere Ausbeuten. Bei einer auf 9 bar eingestellten Maschine verstopfte das Bett bei feinen Graden, die Autoren senkten auf 6 bar. Lee, Smith und Arshad (2023, Physics of Fluids 35) modellieren in einem vereinfachten Zwei-Wege-Modell, ohne Messung am Kaffeepuck, wie ein anfänglicher Unterschied in der Durchlässigkeit durch Fluss und Extraktion wächst, bis ein Weg ausgelaugt ist.
Was sagt das über die Bauart der Mühle? Stiftung Warentest prüfte in Heft 12/2019 fünfzehn Kaffeemühlen, neun mit Mahlwerk und sechs mit Schlagmesser. Gute Ergebnisse gab es in allen Bauartgruppen. Schlagmesser zerschlagen die Bohnen, Kegel und Scheiben zerreiben sie im Spalt, und Schlagmesser-Mühlen seien handlich für den gelegentlichen Einsatz, dasselbe Ergebnis sei schwer zu wiederholen. Mahlwerksmühlen lieferten eingestellt jeden Tag denselben Mahlgrad. Gemeint ist die Wiederholbarkeit der Einstellung; eine Messung der Partikelgleichmäßigkeit steht im frei lesbaren Teil des Tests nicht. Für Espresso beschreibt die Zeitschrift die Folgen so: Zu feines Pulver tröpfelt zu langsam und überextrahiert, bei zu grobem rinnt das Wasser so schnell durch, dass es zu wenig Aromastoffe löst, der Espresso wird sauer und hell, die Crema verschwindet schnell.
Und das stumpfe Mahlwerk? Griffiths, Adams und Rees (2018) beobachteten an einer gewerblichen Grind-on-Demand-Mühle Abweichungen der Partikelverteilung durch Verschleiß der Scheiben. Hersteller nennen Standzeiten in Kilogramm: 1Zpresso bis zu 100 bis 200 kg, Eureka empfiehlt, die Scheiben alle 250 kg zu prüfen, bei 300 kg Lebensdauer. Wer täglich 20 g mahlt, kommt auf 7,3 kg im Jahr und braucht für 250 kg rund 34 Jahre (eigene Rechnung). Als naheliegende Erklärung für einen Geschmackswechsel im Haushalt taugt ein stumpfes Mahlwerk damit kaum.
Die Zahlen nach Zubereitungsart
Für fast jede Zubereitung nennen verschiedene Stellen verschiedene Werte. Die Tabelle zeigt, wer was sagt und auf welcher Grundlage.
| Zubereitung | Angabe | Quelle |
|---|---|---|
| Haushalts-Filtermaschine | 55 g Kaffee je kg Wasser, 1,15 bis 1,55 % TDS, 90 bis 96 Grad im Kaffeebett, keine Brühzeit | SCA-Standard 310-2021, Prüfbedingungen der Zertifizierung, gilt nicht für Handaufguss, French Press, Espresso, Kapsel |
| Filtermaschine, ECBC-Kriterien | 60 g/l, 4 bis 6 Minuten, 92 bis 96 Grad | Herstellerangabe von Moccamaster USA zu den ECBC-Kriterien; Melitta nennt dieselben 92 bis 96 Grad und 4 bis 6 Minuten |
| Filterkaffee, gemessene Brühzeit | 8 bis 12 Minuten bei 15 Maschinen | Stiftung Warentest, Heft 11/2024, Aroma nicht bewertet |
| Filterkaffee, Verbandsangabe | 88 bis 95 Grad, nicht darüber; Webseite: 7 bis 10 g je Tasse (125 bis 150 ml) | Deutscher Kaffeeverband; seine Broschüre nennt 88 bis 96 Grad, ca. 65 g/l, 3 bis 5 Minuten |
| Handfilter V60 | mittelfein, 15 g auf 250 ml, 92 bis 96 Grad, rund 2,5 Minuten | Hario UK, V60 Expert |
| French Press | Wasser circa 92 bis 96 Grad, mindestens 4 Minuten, heißes und nicht kochendes Wasser | Bodum, Chambord |
| French Press, Espro | 195 bis 205 °F (rund 91 bis 96 Grad), 3 bis 6 Minuten, bei zu bitter kürzer ziehen | Espro |
| AeroPress | 85 Grad (80 für dunkle Röstung), ohne Temperaturregelung kochendes Wasser; 16 bis 18 g, 3 Sekunden rühren, 60 Sekunden warten (30 bei mittelfein) | AeroPress Inc., Signature Brew |
| Espresso | im Mittel 8,5 bar (häufigster Wert 9), rund 93,5 Grad, 36,5 g Getränk, Verhältnis im Mittel 1:2; bei 51 % 25 bis 30 Sekunden | Umfrage der Barista Guild of America mit SCA Research, 275 Teilnehmende, 2017 |
| Espressokocher | mittlere Heizstufe, nie die höchste; Mokka-Mahlgrad; Kanne vom Feuer nehmen, wenn das Oberteil voll Kaffee ist; keine Zeitangabe | Bialetti, Anleitung der Moka Express |
| Cold Brew | üblicherweise 8 bis 24 Stunden | Fuller und Rao (2017), Einleitung |
Die Espresso-Zeile gibt eine Umfrage wieder, die frühere SCAA-Definition (7 bis 9 g, 25 bis 35 ml, 20 bis 30 Sekunden) passt nicht zur heutigen Praxis mit 18 bis 20 g. Beim AeroPress deckt sich eine Spanne „80 bis 90 Grad“ nicht mit dem Hersteller: Eine Obergrenze von 90 Grad nennt AeroPress nicht.
Bei der Temperatur gehen die Empfehlungen am weitesten auseinander, von 80 Grad bei AeroPress (dunkle Röstung, im Standardrezept 85) bis 96 Grad bei SCA, Hario und Bodum. Dazwischen liegen der Kaffeeverband mit 88 bis 95 Grad und Lelit mit 88 bis 92 Grad für den Espresso. Wir würden bei Filter und French Press im Bereich 92 bis 96 Grad anfangen, weil die meisten genannten Stellen dort zusammenkommen.
Geschmacklich ist die Temperatur weniger der Hebel, als die Zahlen vermuten lassen. Bei festgehaltener Brühstärke und Ausbeute (die Autoren passten Mahlgrad und Durchlaufzeit an) änderten 87, 90 und 93 Grad das Sensorikprofil nach Batali u. a. (2020) nicht merklich. Das heißt nicht, dass Temperatur nichts bewirkt: Bei gleichem Mahlgrad und gleicher Zeit löst heißeres Wasser mehr und verschiebt damit Stärke und Ausbeute (unsere Ableitung). Die Studie gilt für Tropffilter von 87 bis 93 Grad, für 100 Grad und für Immersion sagt sie nichts.
Fehlerbilder
Die Tabelle führt nur Ursachen auf, die eine Quelle trägt oder die sich sauber aus dem Mechanismus ergeben.
| Eindruck | Mögliche Ursache | Eine Änderung | Beleg |
|---|---|---|---|
| Sauer | zu wenig gelöst: zu grob, zu kurz, zu kühl | eine Stufe feiner | Melitta und Fellow (Anleitungen); Stiftung Warentest 12/2019 für Espresso |
| Bitter | zu viel oder zu stark gelöst: zu fein, zu lang | eine Stufe gröber, kürzer ziehen | Melitta, Fellow, Stiftung Warentest; Espro empfiehlt bei zu bitter kürzer ziehen |
| Dünn, ohne saure Spitze | niedrige Brühstärke | Verhältnis prüfen: bei Immersion bestimmt es die Stärke | Guinard u. a. 2023; Liang u. a. 2021 |
| Bitter aus dem Espressokocher | zu hohe Temperatur | mittlere Heizstufe | Milu (proidee): zu hohe Temperaturen verbrennen den Kaffee und führen zu bitterem Nachgeschmack |
| Kaffee von der Platte schmeckt anders | Warmhalten | früher abgießen | Stiftung Warentest 2014: saurer; Kaffeeverband und Melitta: kann bitter werden |
| Anders nach Bohnenwechsel | anderer Röstgrad verschiebt die passende Stufe | Stufe nachziehen | Baratza, Fellow, Severin: dunklere Röstung gröber |
| Flach oder sauer nach Wasserwechsel | andere Alkalinität | Wasser prüfen | Rune u. a. 2026; SCAE Water Chart |
Wo die Ursache am Gerät oder in der Pflege liegt, steht im nächsten Abschnitt.
Ursachen jenseits von Mahlgrad und Dosis
Wasser zuerst, weil hier Härte und Alkalinität verwechselt werden. Rune u. a. (2026, Journal of Food Science 91) brühten kolumbianischen Kaffee mittlerer Röstung in der French Press (50 g auf 900 g Wasser, 92 Grad, 4 Minuten) mit Reinstwasser, dem sie Calcium, Magnesium und Hydrogencarbonat zusetzten. Härte allein erzeugte keine auffälligen Unterschiede, Hydrogencarbonat dagegen schon. Bei Calcium war nur die niedrigste Stufe mit 15 mg/l signifikant, ohne erkennbares Dosis-Wirkungs-Muster. Die SCAE-Wasserempfehlung nennt als Kernzone 50 bis 175 ppm Härte und 40 bis 75 ppm Alkalinität, bei dünner Datenlage. Wellinger (SCA 25 Magazine, Heft 9) schreibt, die wahrgenommene Säure entspreche den extrahierten Säuren minus der Alkalinität des Wassers. Ältere Arbeiten (Lockhart 1955, Pangborn 1971, nur über die Einleitung von Rune u. a. gelesen) fanden destilliertes Wasser zu sauer und carbonatreiches flach und bitter. Der Deutsche Kaffeeverband zählt hartes, kalkhaltiges und gechlortes Wasser zu den Faktoren, die negativ wirken. Das Umweltbundesamt hält Leitungswasser unabhängig von der Härte für Trinkwasser bester Qualität: Das sagt etwas über Trinkwasser und nichts über Kaffee. Mehr dazu im Ratgeber Wasserhärte und Kaffee.
Beim Alter der Bohne ist die Lage dünn. Smrke u. a. (2018) zeigen, dass die CO2-Freisetzung vom Rösten bis zur Tasse ein Frischeindikator ist: Ein Teil des Gases bleibt in der porösen Struktur, tritt bei der Lagerung langsam und beim Mahlen und Extrahieren abrupt aus. Dass frisch geröstete Bohnen im Espresso sauer schmecken, finden wir nur in Röster-Blogs mit Ruhezeiten zwischen 5 und 21 Tagen, in keiner begutachteten Messung. Auf der anderen Seite steht Ranzigkeit. Sie entsteht durch Lipidabbau und wird von Feuchtigkeit, Sauerstoff, Wärme und einer großen Oberfläche beschleunigt, geschulte Prüfer erkannten sie in an Luft verpacktem Kaffee nach vier Monaten (Überblick der SCAA von 2012, dort Marin u. a. 2008). Das betrifft verpackten Kaffee. Ob ranzige Öle in Brühgruppe, Sieb oder Mühle den Geschmack verändern, ist nicht gemessen, Hersteller wie Groenenberg weisen in ihren Pflegehinweisen nur darauf hin, dass Rückstände ranzig werden können. Reinigen schadet trotzdem nicht, und wie das bei Mühlen geht, steht im Ratgeber Kaffeemühle reinigen. Für Filterkaffee findest du die übrigen Stellschrauben im Ratgeber Filterkaffee zubereiten.
Beim Warmhalten widersprechen sich die Quellen. Stiftung Warentest schrieb 2014, Kaffee solle nicht länger als eine halbe Stunde auf Sparflamme stehen, er werde mit der Zeit immer saurer, ohne Messwert. Batali u. a. (2023, Journal of the Science of Food and Agriculture 103) hielten Filterkaffee 15 Minuten bis 3 Stunden warm, in Glaskanne auf Heizplatte, Kanne mit Heizmantel und Vakuum-Isolierkanne. Die Säure stieg bei hellen und mittleren Röstungen, die dunkle war im Chemiewert saurer, wurde aber nicht so wahrgenommen. Mehr Attribute nahmen ab als zu, und 93 Branchenleute zogen den frischen Kaffee (30 Minuten) dem nach 180 Minuten nicht vor. Von Bitterkeit berichtet der Abstract nicht, Kaffeeverband und Melitta schreiben dagegen, Warmhalten könne den Kaffee bitter machen, ohne Messung. Bei den Kannen waren die Unterschiede für hell und dunkel vorhanden und bei mittel kaum, weshalb „eine Thermoskanne verhindert das komplett“ nicht gedeckt ist.
Wann Bitterkeit kein Fehler ist
Röstung bestimmt, welche Bitterstoffe in der Tasse ankommen. Blumberg u. a. (2010, Journal of Agricultural and Food Chemistry 58) brühten Kaffee aus Bohnen verschiedener Röstungen: Leichte bis mittlere Röstung bildet die kaffeetypisch bitteren Chinide, stärkere Röstung zerlegt sie zu schärfer schmeckenden 4-Vinylcatechol-Oligomeren. Das stützt, dass eine dunkle Röstung von Natur aus bitterer ist.
Bei der Säure zeigen zwei Einzelstudien von 2024 ein Maximum der titrierbaren Säure am First Crack, die bis zum Second Crack auf den Ausgangswert fällt (Anokye-Bempah u. a.), und einen pH-Tiefpunkt des Extrakts bei mittlerer Röstung (Kim u. a.). Die US-Beschaffungsvorschrift A-A-20213B des Landwirtschaftsministeriums (2004) beschreibt dunkle Röstung (Agtron 30 bis 40) mit ausgeprägter Bitterkeit und mittlere (Agtron 50 bis 60) mit kräftigerem Geschmack. Es ist eine US-Vorschrift, und die Stufennamen der Röster decken sich nicht mit ihr.
Auch die Sorte zählt. Der Kaffeeverband beschreibt Arabica als breites Geschmacksspektrum von süß über säuerlich bis fruchtig, Robusta als bitter, erdig und rau. Eine Bitterkeit, die zur Röstung oder Sorte gehört, behebst du nicht an der Mühle. Hier hilft der Ratgeber Bohnen-Grundlagen.
Was offen bleibt
Mehrere Lücken tauchen in den Abschnitten oben nur am Rand auf, hier stehen sie gebündelt. Zur Reihenfolge, in der sich Säure, Süße und Bitterstoffe lösen, haben wir keine Primärquelle gefunden, und die Filterstudie von Batali u. a. (2020) und die von Blumberg u. a. (2010) kennen wir nur aus dem Abstract. Dass Feinstaub bitter und grobe Partikel sauer machen, gilt als Mechanismus, ist aber nicht in der Sensorik gemessen, und dass „adstringierend und pelzig“ von Kanalbildung kommt, belegt keine der Arbeiten; bei Batali folgt die Adstringenz der Brühstärke. Eine Gradzahl, ab der Wasser zu heiß ist, nennt keine Primärstudie, die wir gefunden haben. Für den Rat, kochendes Wasser eine Minute stehen zu lassen, gibt es keine Quelle, und wie schnell Wasser abkühlt, hängt von Gefäß und Menge ab. Bei der Röstung zeigen die beiden Studien von 2024 nicht, ob eine als hell gekaufte Bohne eine Stufe dunkler weniger Säure bringt.
Welches Gerät hilft bei welchem Fehlerbild?
Eine Mühle löst keine Zubereitungsfehler, aber sie bestimmt, wie fein du korrigieren kannst. Die Melitta AromaFresh X hat elf Mahlgradeinstellungen mit fester Rastung und ein Keramikmahlwerk, kein Schlagmesser. Die Fellow Opus rät laut Kurzanleitung bei sauer zu etwas feiner, bei bitter zu etwas gröber und bei dunklerer Röstung zu einer höheren Zahl. Die Baratza Encore ESP ist eine elektrische Kegelmühle mit 40-mm-Kegeln aus M2-Stahl und 40 Raststufen, 1 bis 20 für Espresso und 21 bis 40 von Filter bis Cold Brew. Laut Handbuch ändern die Stufen 1 bis 20 den Mahlgrad nur geringfügig, was für kleine Korrekturen am Espresso spricht. Die Mahlkegel dürfen nicht nass werden. Welche Mühle zu welcher Zubereitung passt, steht in der Bestenliste der Mühlen und im Hub für Kaffeemühlen.
Bei Geräten, die die Zeit begrenzen, liegt der Hebel anderswo. Beim Espro P3 endet laut Handbuch mit dem Herunterdrücken des Filters die Extraktion, Espro nennt 195 bis 205 °F. Beim AeroPress Go beendet der Kolben den Durchlauf, je nach Mahlgrad rechnet AeroPress mit 30 bis 60 Sekunden Ziehzeit und mit 80 Grad bei dunklen, 85 Grad bei mittleren und hellen Röstungen. Die Moccamaster KBG Select brüht laut Hersteller mit 92 bis 96 Grad, der Kaffee kommt mit 82 bis 85 Grad in der Kanne an.
Die Bialetti Moka Express hat keine Stellschraube außer der Hitze. Die Anleitung schreibt keinesfalls die höchste Heizstufe vor, bei Gas darf die Flamme nicht über den Kessel hinausreichen, und die Kanne gehört vom Feuer, wenn das Oberteil voll Kaffee ist. „Gurgeln“ als Signal steht dort nicht. Bialetti schließt die Spülmaschine aus, nur Handwäsche, um die Eigenschaften der Kanne über lange Zeit zu erhalten. Alkalische Reiniger greifen unbeschichtetes Aluminium an (Materialwissen, nicht von Bialetti).
